Salonika – A City with Amnesia

Dokumentarfilm von Max Geilke
Produktion: EYEDOLON Pictureworks GmbH
Leitung: Michael Steinwand

"Wie das ehemalige Jerusalem des Balkans aufblühte, niederging und vergessen wurde"

Das ehemalige Jerusalem des Balkans hat seine Geschichte im 20. Jahrhundert verloren: Grund dafür ist der plötzliche Exodus des jüdischen und muslimischen Lebens. Am 6. Dezember 1942 beschlagnahmten die deutschen Besatzer gemeinsam mit ihren Kollaborateuren Europas größten jüdischen Friedhof in Thessaloniki (ehemals Saloniki/Salonika), mitsamt seinen 500.000 Gräbern. Sie demontierten die Grabsteine zum Bau eines Schwimmbeckens für die deutschen Soldaten. Kurz darauf wurden die Steine als Baumaterial freigegeben. Bis heute zieren sie das Stadtbild: Treppen, Mauern, Parks, Kirchen sowie der Uni-Campus, der auf dem Gebiet des jüdischen Friedhofs errichtet wurde.

Eine Stadt, die Jahrtausende lang Generationen unterschiedlicher Kulturen zusammengebracht hat und durch sie geprägt wurde, vergisst plötzlich ihre eigene jüngste Vergangenheit: Die Stadt leidet unter Amnesie.

Der Film erzählt dabei über den Einfluss und die Vernichtung des jüdischen und muslimischen Lebens in Saloniki - der ehemaligen kosmopolitischen Hafenstadt, in der die Traditionen der Osmanischen Muslime, Juden und Christen koexistierten und verschmolzen sind. Leider ist die jüdische Präsenz fast vollkommen ausgelöscht, nachdem die deutsche SS mehr als 60.000 Juden nach Auschwitz deportiert hat. Aber auch seit der Migration der Osmanen in den türkischen Staat erinnern nur noch sehr wenige Dinge an die dutzenden Minarette und türkische Bäder, die immer weniger in das heutige Stadtbild passen wollen. Das ehemalige Jerusalem des Balkans ist in Amnesie verfallen - die einst heterogene Bevölkerung aus jüdischen Hafenarbeitern, Hauseigentümern und Kaufleuten, Muslimischen Paschas und Derwische scheint also komplett vergessen. 

Thessaloniki selbst wird zum Protagonisten – eine Stadt, bestehend aus Generationen von Menschen, alten Steinen, Häusern und Straßen. Ist es tatsächlich so, dass Thessaloniki ihre Geschichte hinter sich gelassen hat? Scheint es dabei allzu leicht, sich hinter einer Amnesie zu verbergen, die aufgrund des Schocks entstand, den die Stadt im 20. Jahrhundert erlebte?

Auf der Bildebene gibt es neben den klassischen Interviews und Archivaufnahmen auch alte Fotos, die mit Hilfe von Animationstechniken zum Leben erweckt werden (Parallaxeneffekt). Als roter Faden führt uns eine amerikanische Reisende Ende 19. Anfang 20. Jahrhundert durch die Stadt, indem sie einen Brief an ihre Schwester schreibt. Die Reisende wird gespielt von einer Schauspielerin als sogenanntes Reenactment. Des Weiteren wird es „Zeitrafferaufnahmen“ geben um den stetigen Verlauf von Geschichte visuellen darzustellen: Innerhalb von wenigen Sekunden ziehen Wolken und Sonnenverlauf eines Tages über einen alten Brunnen mit arabischen Schriftzeichen in der Altstadt Thessalonikis. 

Auf der Tonebene wird es Soundcollage geben von Märkten, Straßen, Gebetshäusern etc. Die unterschiedlichsten Stimmen wie Ladino-Spanisch, griechisch, hebräisch, türkisch etc. fügen sich zu einem Klangbild aus einer längst Vergangenen und auch verdrängten Zeit zusammen.

Eine Kurzfassung des Films wurde während der diesjährigen Festivals „Hellas Filmbox Berlin“ am 21. Januar 2017 uraufgeführt, außerdem am 19. März 2017 im Filmforum NRW e.V. - Kino im Museum Ludwig, Köln. Mehr

Für die Langfassung des Films ist erfolgreich eine Crowdfunding-Aktion abgeschlossen worden. Mehr